Erster Eindruck
Ein ansprechendes vierfarbiges Cover ziert die zweite Auflage der
Videoschnitt-Schule. Ein erster Blick ins Innere ist jedoch
ernüchternd: Ausschließlich Schwarzweiß-Abbildungen und die
Klebebindung sind ein Tribut, der dem günstigen Preis gezollt wird.
Doch bei näherer Betrachtung stellt man schnell fest, dass die inneren
Werte des Buches stimmen.Orientierung
Wenn man das Buch aufschlägt, sind vier unterschiedlich aufgebaute Inhaltsverzeichnisse in unmittelbarer Folge schon etwas gewöhnungsbedürftig. Zum Einstieg bietet der innere Buchumschlag für Ungeduldige einen schnellen Zugriff auf häufig gestellte Fragen (FAQ). Es folgt ein Inhaltsverzeichnis mit Kapitelthemen und kurzen, erläuternden Fragen. Daran schließen sich ein detailliertes Inhaltsverzeichnis und eine Wiederholung des inneren Buchumschlages an. Für mein Empfinden etwas zuviel des Guten. Sehr hilfreich ist allerdings der Index am Ende des Buches, um eine schnelle Klärung fachlicher Aspekte zu erhalten. Allerdings tauchen nicht alle wichtigen Begriffe im Index auf – so fehlen z. B. die Begriffe »keyframe« oder »splitscreen«, die jedoch in anderer Benennung Verwendung finden. Sehr ansprechend ist die Gliederung, wie man sie aus wissenschaftlichen Arbeiten kennt – dickes Lob! Nicht nur dadurch setzt sich die Videoschnitt-Schule positiv von Konkurrenten wie »Digitales Filmen« ab.Sprache
Das Buch lässt sich schön flüssig lesen. Die vielen praktischen Tipps, gekoppelt mit dem lockeren Sprachstil fesseln den Leser. Im Nu sind 50 Seiten chronologisch gelesen, ohne von den Inhalten gelangweilt zu sein. Nur in wenigen Fällen passt der Sprachstil nicht zur formalen Gestaltung des Werkes. Hierzu einige Beispiele:Auf Seite 184: »[…] Damit können Sie angeben gehen«. Wer möchte sich schon als Angeber titulieren lassen? Oder »[…] Der klassische Weg wäre Key und Fill aus Photoshop als Tiff speichern, als Key-Datei die Key-Tiff-Datei angeben, fertig.« auf Seite 178 ist schon mächtig kompliziert. Auch der Begriff »[…] Framefucking« (S. 235) ist etwas gewöhnungsbedürftig, wenn auch nachvollziehbar.
(... und ging auch gleich in den Sprachschatz der Redaktion über. Anm. d. Red.)
Didaktisch-methodischer Aufbau und inhaltliche Qualität
Da das Buch im Titel den Begriff »Schule« trägt, muss es sich an den Erwartungen an eine »gute« Schule messen lassen. Von einem guten Lehrer erwarte ich ein gut strukturiertes Unterrichtskonzept, einen überschaubaren Zeitrahmen für das zu Erlernende und angemessene methodische Hilfestellungen. Werfen wir dazu mal einen Blick auf die behandelten Themen. Zunächst gibt es einen kurzen Blick auf die Grundlagen des Videoschnitts. Sehr präzise und unterhaltsam werden dem Leser alle wichtigen Aspekte näher gebracht. Es schließen sich zwei längere Kapitel zur Drehplanung und zu allgemeinen Hinweisen zum Schneiden an. Methodisch sieht es so aus, dass die Fließtexte um Marginalien ergänzt werden, welche die wichtigsten Punkte knackig zusammenfassen oder weiterführende Hinweise geben. Sehr lobenswert! Ergänzend dazu wird die Bebilderung eingefügt, die leider häufig den Inhalt nicht gut transportiert. Zum Glück gibt es Hinweise zur Begleit-DVD. Richtig gut wird es, wenn »Checklisten« wie auf den Seiten 106/107 das Kapitel abrunden. So sollte es sein!Wichtig ist das sich anschließende Kapitel zum »Story-Telling«. Dort erhält der Leser die Inhalte, die er benötigt, um konzeptionell zu wirklich guten Filmen zu gelangen. Nun sollte jeder Leser wissen, wie der Spannungsbogen verlaufen sollte.
Das Effektkapitel könnte meiner Meinung deutlich gestrafft werden. Gerade das Kapitel zu After Effects ist überbewertet (Quad-Split). Die programmtechischen Anweisungen sind zu vage, um diese problemlos nachvollziehen zu können. Die vielen Hinweise auf den sinnvollen Einsatz von Effekten (Zeit-Effekte, Bauchbinden, Fotoeffekt etc.) sind jedoch ein wertvoller Inspirations-Pool.
Den Abschluss des Buches bilden der »Feinschliff« und das »Powerediting«. Zwei wichtige Kapitel, um ein rundes Gesamtergebnis auch unter Zeitdruck zu erhalten.
Verwendete Software
Der Autor legt seine Schwerpunkte ausschließlich auf Premiere Pro, After Effects und Photoshop. Wünschenswert wäre eine Übersicht von einfach zu bedienenden Softwareprodukten (iLife, Final Cut Pro etc.), die jenseits von Adobe angesiedelt sind.Begleit-DVD
Die Datenstruktur ist chaotisch. Der fertige Film »Gecko-Glas.avi« hat eine Größe von 1,8 GB und kann weder auf einem aktuellen Apple noch auf einem PC ganz ruckelfrei abgespielt werden. Abhilfe schafft jedoch eine Kopie auf die Festplatte. Ansonsten sind die Daten eine gute Hilfe, um den Inhalt des Buches besser nachvollziehen zu können.Fazit
Wer glaubt, in der Videoschnitt-Schule eine Anleitung zum Schneiden auf der »Werkzeugebene« zu erhalten, wird nicht auf seine Kosten kommen. Dies ist auch nicht der Anspruch der Videoschnitt-Schule. Hierzu eigenen sich vielfältige Fachbücher und Trainings-DVDs zu diversen Schnittprogrammen besser.Vielmehr steht der konzeptionelle Ansatz im Vordergrund. Und hier hat der Autor eine wirklich sehr gute Arbeit geleistet. Die klare Strukturierung, die einem roten Faden folgt, ermöglicht es dem Video-Neuling von der Konzeption, der Aufnahme, über den Schnitt bis zur Integration von Effekten eine effektive Hilfestellung. Schön finde ich persönlich das Kapitel zum »Power Editing«. Wer hat denn heute noch Zeit? Klipp und klar werden dem Leser hier Hilfestellungen gegeben, mit ruhigem Gewissen mal etwas »schlampiger« zu arbeiten, wenn die Gestaltungsabsicht darunter nicht leidet. Für ambitionierte Amateure ist das Buch eine sehr lohnenswerte Anschaffung.
© 2006 Horst Wiedemann für final-cut-pro.de